Die Wissenschaft hat festgestellt…

Hirn- und Baumstrukturen ;-)Vor einiger Zeit war es die Hirn-, gegenwärtig ist es die Glücksforschung, die – bedeutsam im Singular, als gäbe es da keine internen Diskussionen! – zum Beleg vieler Thesen und Vermutungen herangezogen wird: “Die Glücksforschung aber sagt, dass…”

Immer wieder höre ich Leute darauf etwas barsch reagieren (und zuweilen bin ich selbst dabei): Das ist doch alles nicht neu. Viele Pädagogen haben schon lange gewusst und getan, was etwa Manfred Spitzer im Namen der Hirnforschung anmahnt: Lernen als Begreifen zu gestalten, als gemeinsames sinnliches Einüben und Ausprobieren. Etliche Theologinnen und Psychologen haben schon über Lebensqualität, Sinn und Glück diskutiert, als die Protagonisten der Glücksforschung noch ökonomische Nutzenmaximierungsmodelle durchrechneten. So what?!

Dennoch: Ich halte die neue Popularität von Glücks- und Hirnforschung für ein Indiz einer Aufweichung von Meinungsfronten, ein Indiz einer Aufweitung herrschender Paradigmen.

Die Ökonomen, die gegenwärtig das Glück neu entdecken, kümmern sich nach jahrzehntelanger Vernachlässigung wieder um die Gestalt und den Inhalt der Präferenzen von Menschen – und staunen, weil die sich oft so gar nicht in die ökonomischen Modelle rationaler Wahl einfügen lassen. Sie nehmen, wenn man so will, das materiale und ethische Erbe des Utilitarismus wieder auf, der in der Ökonomiegeschichte systematisch entleert und zum Maximierungsmechanismus transformiert wurde.

Und die Hirnspezialisten zeigen, dass die physiologischen Korrelate des menschlichen Denkens und Wahrnehmens keineswegs statisch und vorgegeben sind: Lernen und Erfahrung verändern auch die Hardware: Das Gehirn ist ein plastisches, sich mit neuen Kontexten und Herausforderungen selbst (”kongenial”) veränderndes Organ. In seiner Struktur und Selbstorganisation entspricht es eher systemischen als linearen Konzepten: Induktiv und kontextbezogen werden Regeln gebildet und Muster angelegt und rekonstruiert – eben auch im physiologischen Hirnaufbau.

Es mögen für manche Beobachter alte und in den Fachdiskussionen schon entschiedene Fragen sein, die hier neu verhandelt werden. Aber sie werden mit neuen Impulsen und in unerwarteten Koalitionen neu aufgenommen und diskutiert. Da geraten – getrieben von Hirn- und Glücksforschung – Fragen des lebenslangen Lernens und des Lebenssinns weit ins Zentrum der gebildeten Öffentlichkeit. Geraten auch weit hinein in Kreise ökonomisch gebildeter und tätiger Öffentlichkeiten. Und diese Fragen haben interessante Konsequenzen etwa dafür, wie Führung in Organisationen wahrgenommen wird, nämlich nichtlinear-konstruktivistisch. Und sie haben Auswirkungen darauf, wie Menschen in Organisationen und Unternehmen motiviert werden, nämlich nicht allein durch Geld und Position. Zum Glück…

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